Der Stadtteil Carrefour Feuilles ist einer der ärmsten Gegenden von Port-au-Prince. Dennoch gab es hier vor dem Erdbeben eine sehr gut funktionierende Schule mit integrierter Kindertagesstätte und einem Waisenhaus. MEVA war ihr Name – die Abkürzung steht für la Maison der Enfants du Village de l’Avenir, zu Deutsch das Haus der Kinder aus dem Dorf der Zukunft. 250 Kinder besuchten täglich den Unterricht, und 20 Waisen nannten MEVA ihr Zuhause. Das Erdbeben zerstörte jedoch große Teile der Schule, die daraufhin komplett abgerissen werden musste. Mithilfe von VIV TIMOUN konnte die Schule mittlerweile wieder aufgebaut werden – größer und vor allem erdbebensicher als zuvor. Die Bauarbeiten aber gehen weiter, damit noch mehr Kinder Platz finden – denn die Nachfrage ist groß.
Das Viertel
Das Viertel Carrefour Feuilles ist eine unstrukturierte Ansammlung kleiner, in einem steilen Hügel eng aneinander gebauter Steinhäusern. Die wenigsten Wohnräume sind möbliert. Strom, Kanalisation oder fließend Wasser sucht man meist vergebens. Dennoch pulsiert in Carrefour Feuilles das Leben. Die Gassen sind voller Menschen; junge Frauen und Männer transportieren Wassereimer auf ihren Köpfen; Marktleute versuchen lautstark, ihre Ware an die Kunden zu bringen. An jeder Ecke köcheln Eintöpfe; an manchen Ständen bieten süße Eisgetränke die nötige Erfrischung; und wer Holzkohle braucht, ist hier an der richtigen Adresse. Wer aber den Baugeräuschen und singenden Kinderstimmen folgt – der findet inmitten dieses Ameisenhaufens die Schule MEVA, die dank ihrer engagierten Mitarbeiter und alternativen Lernmethode dazu beiträgt, den Jugendlichen von Carrefour Feuilles und ihren Eltern eine neue Perspektive zu bieten.
Partnerorganisation HAITI CARE
Die Schule MEVA steht unter der Leitung von HAITI CARE, einer deutschen Hilfsorganisation, die in Port-au-Prince von der Haitianerin Natacha Marseille geleitet und koordiniert wird. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern aus allen Schichten – vor allem aber aus den sozial schwächeren – eine vollständige Schulausbildung zu ermöglichen und dadurch entscheidend zur Wiederbelebung des Armenviertels Carrefour Millefeuilles in Port-au-Prince beizutragen.
Die Lehrmethode der MEVA-Schule ist einzigartig, zumindest in Haiti. Bei der sogenannten Montessori-Pädagogik – benannt nach ihrer Gründerin Maria Montessori – handelt es sich um ein im Jahre 1907 entwickeltes pädagogisches Bildungskonzept mit dem Ziel der Selbsthilfe. Die Kinder werden von klein auf, bis hin zum jungen Erwachsenenalter, zur Selbstständigkeit erzogen, unter anderem über einen offen gestalteten Unterricht und ein hohes Maß an Freiarbeit. Im Gegensatz zur in Haiti üblichen Pädagogik kann sie insofern als experimentell bezeichnet werden, als die Beobachtung des einzelnen Kindes den Lehrenden dazu führen soll, geeignete didaktische Techniken anzuwenden, statt der gesamten Schülergruppe eine einförmige Lehrmethode aufzuzwingen.
Die Betreuung und Schulausbildung ist grob in vier Phasen aufgeteilt. Kinder von neun Monaten bis drei Jahren kommen in der Tagesstätte unter. Für Kinder zwischen drei und sechs Jahren organisiert HAITI CARE einen Kindergarten. Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren besuchen die Grundschule. Und für Jugendliche zwischen zwölf und neunzehn Jahren bietet die Organisation eine Sekundarschule mit anerkanntem Abiturabschluss. In Zukunft möchte MEVA den Schülern sogar die Wahl zwischen einem allgemeinbildenden und einem technischen Abschluss lassen.
Der Unterricht findet wechselweise in Kreol und Französisch statt, wochentäglich und samstags zwischen 7 und 14 Uhr. Außerdem erhalten Schüler ab dem Alter von sechs Jahren Englischunterricht. Neben den üblichen Kursen wie Mathematik und Wissenschaften bietet MEVA auch kulturelle und künstlerische Lehreinheiten.
Insgesamt besuchen jährlich zwischen 250 und 280 Schüler die Bildungseinrichtung in Port-au-Prince, Tendenz steigend. Um der Weiterbildung einen gewissen Wert zu geben, zahlen die Familien eine begrenzte und dementsprechend tragbare Einschreibegebühr – es sei denn, es sollte sich nach gründlicher Untersuchung herausstellen, dass die Familie sich diesen Betrag nicht leisten kann. In diesem Fall übernimmt die Organisation HAITI CARE mithilfe ihrer zahlreichen Spender und Unterstützer, darunter VIV TIMOUN, die Kosten. Um die sozialen Unterschiede nicht vor den Augen aller offenzulegen, was zu Neid oder Spott führen könnte, tragen die MEVA-Schüler eine von der Schule zur Verfügung gestellte Uniform. Jeden Mittag erhält jedes Kind und jeder Mitarbeiter eine warme Mahlzeit.
Jedoch bietet MEVA nicht nur den Kindern eine Perspektive. Die Schule stellt zwischen 40 und 45 Professoren, Psychologen, Pädagogen, Sekretäre, Köche und Buchhalter ein.
Für die Zukunft hat HAITI CARE noch zahlreiche Pläne. Unter anderem hat sich die Organisation zum Ziel gesetzt, den Gebäudekomplex in Carrefour Feuilles bis 2015 so auszubauen, dass auch eine Bibliothek, ein Spielplatz, Musik- und Tanzräume, eine Sporthalle und ein Krankenzimmer Platz finden. VIV TIMOUN wird in enger Kollaboration mit Natacha und ihrer Organisation versuchen, diese und die sonstigen Ziele der Organisation auch in die Tat umzusetzen.
Weitere Informationen zu HAITI CARE und MEVA unter www.haiticare.de und www.mevahaiti.org.
Natacha Marseille, die Direktorin von MEVA.



